Ausgehend von fotografischen Detailansichten großstädtischer Architekturen fertigt Hein Spellmann Fassadenobjekte, die er als Einzelstücke, in kleinen Gruppen oder als serielle Sequenzen aus ähnlichen oder identischen Baukörpern auf der Wand anordnet. Waren es ursprünglich Plattenbauten, die im Mittelpunkt seines Interesses standen, so hat sich sein architektonisches Repertoire inzwischen um andere Formen, zum Beispiel um Altbaufassaden, Treppenhäuser, Industriebauten oder Ladenlokale erweitert.

Ihre Umsetzung folgt indessen stets demselben Prinzip: Indem er die farbigen Fotoprints auf Schaumstoff aufzieht, über einen Holzkern spannt und abschließend mit einer transparenten Silikonschicht versiegelt, verleiht er seinen Objekten eine plastische, kissenähnliche Gestalt. Was somit entsteht, sind elastische »Wohnwaben«, die je nach Ausschnitt, Format und Farbgebung unterschiedliche Abstraktionsgrade und Erzählformen im Sinne städtischer Partituren zulassen. Und entspricht das standardisierte Fertigungsverfahren einerseits dem Konstruktionsprinzip des Plattenbaus, so offenbart die Verwandlung in kleine, autonome Wohneinheiten andererseits eine utopische Dimension im Umgang mit Stadt und Architektur. Dies liegt nicht nur in der spielerischen Komponente begründet, mit der sich die Objekte – wie bei einem Baukasten – immer wieder neu und temporär formieren lassen, sondern äußert sich auch darin, dass die Immobilien nunmehr die Gestalt von portablen Modulen oder „mobile homes“ annehmen, was einer individuellen Inbesitznahme gleichkommt.

Zugleich fokussiert Hein Spellmann, indem er die anonymen Fassadenraster in ihre Bestandteile auflöst, das singuläre Fenster als doppelseitiges Medium zwischen Ein- und Ausblick. Wenn Vilém Flusser bemerkt, Fassaden seien »jenes Gesicht, mit welchem sich Gebäude an die Öffentlichkeit wenden, um von dort aus angeschaut zu werden«, so verdeutlichen die Fensterobjekte des Künstlers zugleich die Ambivalenz dieser Metapher, da sich der außenstehende Betrachter seinerseits betrachtet fühlt – mitunter wie von einem überzähligen Augenpaar im Raum.

 


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